Schreiverleih

Schreibabys nerven. Zumindest wenn man nichts aus ihnen macht. Mit einer Freundin habe ich deshalb folgendes Geschäftsmodell entwickelt, das ich Ihnen mit Ihrem lärmenden Problemkind gerne zur Nutzung überlasse.

Cry for me, baby
Eine Agentur, nennen wir sie Cry for me, baby verleiht stundenweise kleine Dauerschreihälse gegen ein angemessenes Entgelt. Positiver Soforteffekt: Die Nerven der Eltern gewinnen während der Ausleihfrist etwas Zeit, sich wieder zu beruhigen. Jetzt fragen Sie sich: Wer um Himmels willen soll so ein Baby ausleihen wollen? Ich sage es Ihnen: Jeder, der auf ein Amt muss oder sonstwo gezwungen wird, sich anzustellen und wertvolle Zeit zu vertrödeln. Mit einem Schreibaby dürfen Sie nicht nur ohne eine Nummer zu ziehen an den Schalter treten. Sie werden auch von notorisch phlegmatischen Beamten bedient, als ob die im Akkord bezahlt würden. Soweit klar?
Und was hat das arme kleine Schreikind davon? Ganz einfach: Immer mal wieder nervlich unverbrauchte und dem Baby gegenüber positiv eingestellte Bezugspersonen. Wenn das keine Win-win-win-Situation für Eltern, Kind und Kunden ist.
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Neues aus dem Unterhaltungsteil

Die FAZ macht mal wieder einen auf Revolution und EU. Sarah Wagenknecht darf die Umverteilung der europäischen Reichtümer fordern: „Die reiche Oberschicht allein besitzt mehr Vermögen, als die Staaten an Schulden aufgetürmt haben. Das Prinzip der Haftung besagt, dass, wer den Nutzen hatte, auch den Schaden tragen soll. Die Oberschicht verdankt ihr rasantes Vermögenswachstum ebenjener neoliberalen Agenda, die auch die Schulden der Staaten eskalieren ließ. Es ist nur legitim, sie mit ihrem Vermögen jetzt auch für die Konsequenzen haften zu lassen.“ Die Forderung ist schlicht und nachvollziehbar auch ohne Plato und Perikles und sonstiges Bildungsgut, das sie noch anhäuft, um die FAZ-Leser gutmütig zu stimmen. Und wo steht dieser Aufruf zur Revolution durch altphilologisch inspirierte Steuerreformen? Im Feuilleton. Im Politikteil klänge es am Ende noch so, als wollte irgendwer bei der FAZ, dass wirklich geschieht, was die Wagenknecht sich zusammenträumt. Gott bewahre. Sowas unterstützen die Anzeigenkunden wirklich nicht.
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Politische Verantwortung

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"Schily übernimmt Verantwortung für NSU-Debakel"
– Was bedeutet es, dass Schily die politische Verantwortung für die Morde der NSU-Gruppe übernimmt? Zurücktreten kann er schließlich nicht mehr. Wird er demnach zur Selbstanzeige schreiten, weil seine Unterlassungen schließlich Menschenleben gekostet haben? Zahlt er den Angehörigen der Opfer freiwillig Schmerzensgeld für die durch sein Versagen zu beklagenden Toten? Wird er zu den Angehörigen der Opfer fahren und sich wenigstens entschuldigen? Oder nutzt er, von jeder Scham verlassen, diese hässliche Gelegenheit einfach nur dafür, sich wichtig zu machen und seine selbstverliebte Fresse in der Zeitung zu sehen? Man wird doch noch fragen dürfen.
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Endlich: GEMA vereinfacht das Tarifmodell

Das geht so: Sie führen eine Diskothek mit 300 Quadratmetern und verlangen 15 Euro Eintritt an den zehn Tagen pro Monat, an denen Sie geöffnet haben. Dafür zahlten sie bislang furchtbar kompliziert berechnete 10.000 Euro im Jahr. In Zukunft zahlen Sie ganz einfach ermittelte 130.000 Euro. Danke, GEMA. Endlich blicken die Veranstalter wieder durch bei deinen Tarifen – und können schließen. Oder sich erschießen. Oder erst das, dann das.

Trotz des unabweisbaren Fortschritts in der Kalkulation der GEMA-Gebühren, die in Zukunft wohl auf den Bierdeckel passt, über dem der Diskothekenpächter versucht, sein Elend zu vergessen, gab es doch hier und da eine Nachfrage: Könnte es sein, dass eine 1200% (in Worten: eintausendzweihundertprozentige) Erhöhung von Gebühren vielleicht den Rahmen des sittlichen Miteinanders etwas arg dehnt? Oder sogar mit Getöse sprengt? Ach was, murmelt GEMA-Pressesprecher Hempel abwesend und schenkt sich noch ein Gläschen Veuve Cliquot nach, die
„Vereinfachung wurde von den Musiknutzern in der Vergangenheit vielfach gewünscht“ […] Wer künftig 500 Prozent mehr abführe, habe in der Vergangenheit eben auch „500 Prozent zu wenig bezahlt“, sagte Hempel.

Das Argument riecht dermassen, man sollte es ihm in den Mund zurückstecken. Kann man diesen offensichtlich kulturschädlichen Verein nicht einfach abschaffen? Piraten? Ihr seid gefragt!
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Warum Sie Wolfgang Pohrt besser nicht lesen sollten

Es macht einfach traurig Pohrt zu lesen, er erspart seinen Lesern keine unangenehme Wahrheit. Damit kommen Sie klar? Dann ist Wolfgang Pohrt vielleicht das Anregendste und Luzideste, was Sie heute als „politisch interessierter Mensch“ lesen können. Pohrt ist das, was man einen Altachtundsechziger nennt. Freilich ein anderes Kaliber als Joschka Fischer und die anderen dünne Bretter bohrenden Karrieristen unter den ehemaligen Linken. Er gehört zu den Marxisten, die zuerst Adorno gelesen haben, ehe sie über Marx promovierten. Rechte werden es schwer haben, ihn einfach als Stalinisten abzutun, er ist in keiner Hinsicht irgendein Dogmatiker. Sein neues Buch (Kapitalismus forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam) entfaltet die These, der Kapitalismus habe nicht erst mit dem Zusammenbruch des Ostblocks gesiegt. Der Moment einer möglichen Revolution sei vielmehr bereits zu Marx Lebzeiten für immer verpasst gewesen. Seitdem geht die Geschichte weiter als Wiederholung des Immergleichen, der Kapitalismus produziert regelmäßig die Krisen, aus denen er jedesmal verjüngt hervorgeht. „Dabei gedeiht es prächtig. Untergänge wirken aufs Kapital wie ein Jungbrunnen.“ (S. 50). Pohrt schlägt den Marxisten vor, was er auch den Zeugen Jehovas vorschlagen könnte: Weitere Spekulationen auf den jüngsten Tag zu unterlassen. Das Kapital übersteht schließlich seit mehr als 150 Jahren jede seiner Krisen. „Das einzig Gute an dem Krisengequatsche ist, dass es kein Mensch mehr ernst nimmt.“ (S. 51) Sehr einleuchtend ist auch, weshalb er den Egoismus (die Gier) als Motor des Kapitalismus ablehnt: „Wenn es um die Frage geht, weshalb der Kapitalismus so erfolgreich ist, nennen viele den Egoismus. […] . Diese Leute wissen nicht, wovon sie reden, sie plappern nur gängige Klischees nach. Der perfekte Egoist ist eine Katze, wie sie friedlich an einem warmen weichen Plätzchen schläft, das rosige Näschen ins eigene Fell gekuschelt, […] Kapitalisten sind das genaue Gegenteil. Sie sind keine Egoisten, vielmehr könnte man von hyperaktiven Idealisten sprechen. Sie sind Getriebene. Sie häufen mehr Reichtum an, als sie je werden geniessen können, […]. Die Kapitalisten stellen ihr Leben in den Dienst des Erwerbs von einem Reichtum, mit dem sie als natürliche Personen nichts anfangen können.“ (S. 70f) Resümee: „Im Kapitalismus gibt es nur einen Gewinner, nämlich das Kapital. Der Verlierer sind immer die Menschen, und zwar alle, egal ob im Ghetto oder in der Gated Community. Offensichtlich mögen sie das. Dagegen kann man nichts machen.“ (S. 111) So spricht ein desillusionierter Revoluzzer. Wird er jetzt deshalb konservativ, wie der blöde Fischer und Pohrts andere Kommunistenkollegen aus Studentenzeiten? Besinnt er sich auf alte Werte? „Das Alte bewahren heisst, die Bedingungen konservieren zu wollen, unter denen sich alles das entwickelt hat, was heute abgelehnt wird.“ Wenn also kein Weg nach vorne führt, heisst das noch lange nicht, dass es einen zurück gäbe. Die Geschichte kann auch wie im katatonen Stupor, besinnungslos mit rasendem Puls auf der Stelle treten. Es macht traurig Pohrt zu lesen. Sagte ich schon? Es ist halt so.
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