Goldkehlchen

Schirrmacher liest zuviel Hacks

Jetzt hat der Schirrmacher öffentlich den Verdacht geäußert, es könne tatsächlich ein Problem mit der Gerechtigkeit oder am Ende sogar Gleichheit im Kapitalismus geben, was ihn selbst einigermaßen verunsichert. „Es gibt Sätze, die sind falsch. Und es gibt Sätze, die sind richtig. Schlimm ist, wenn Sätze, die falsch waren, plötzlich richtig werden. Dann beginnt der Zweifel an der Rationalität des Ganzen. Dann beginnen die Zweifel, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang.“ „Das politische System dient nur den Reichen? Das ist so ein linker Satz, der immer falsch schien, in England vielleicht etwas weniger falsch als im Deutschland Ludwig Erhards. Ein falscher Satz, so Moore, der nun plötzlich ein richtiger ist.“ Er versteckt sich noch hinter dem Moore, spricht aber natürlich höchstselbst. Ich erkläre mir das so: Vor ein paar Jahren entdeckte Schirrmacher Peter Hacks. Drei Jahre später spricht er vernünftig. Das spricht für Hacks und wenn es anhält, sogar für Schirrmacher. Aber ob es seiner Karriere gut tut?

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Wer baut Sie wieder auf?

Wer kann die Pyramiden überstrahlen?
Den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower?
Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen
Der Erdenwunder schönstes war die Mauer.
Mit ihren schmucken Türmen, festen Toren.
Ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.


Peter Hacks
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Verräter

Mit dem Verleihen ist es so eine Sache. Ich hab einmal einem Kommilitonen (Sie können daran ablesen, wie lang das her sein muss und ich weiß es, als wär´ es gestern gewesen; der hiess Ecki, resp. Eckehard, Nachname ist mir leider entfallen, sonst wär´er längst dran) ein Buch geliehen. Nicht irgendein Buch, sondern eins von Christoph Martin Wieland. Nicht irgendeinen Wieland, sondern die Abderiten, für Unkundige: also das Amüsanteste, was der geschrieben hat. Und um die Sache aufs Hässlichste abzurunden, auch nicht irgendeine Ausgabe der Abderiten, sondern die aus meiner Gesamtausgabe letzter Hand. Kann sich so ein Ecki nicht denken, was das im Seelenhaushalt eines Bibliophilen für Hannibal Lectersche Gemütszustände provoziert, wenn er im Regal die k o m p l e t t e Wielandausgabe mit einer bedeutenden Lücke geschändet und entweiht sieht? Kann er, aber ist ihm wurscht? Dachte ich´s mir doch. Der Verräter. Ich wünsche ihm, mit Peter Rühmkorff zu sprechen, er möge nur ganz flache Orgasmen erleben bis ans Ende seiner Tage.

Nr. 2 und 3: Franz Morak. Mann, was war das für einer! Burgschauspieler in Wien, dauernd im Clinch mit allen und jedem, ein Iggy Pop für Österreicher. Ein Anarchist, ein echter Rock ´n Roller. Die ersten 3 Alben waren eine Fundgrube, ein Trost, eine Stimme für das keimende, kochende Seelchen meiner Jugend. Ich hatte sie alle und konnte mitsingen: Billiger Rock´n Roll, kleine Schwester, Schizo, Sieger sehen anders aus ... Dann hab ich sie verliehen an irgendeinen, nennen wir ihn „Ecki“, und weg waren die Perlen, fort die Musik. Den Morak können Sie sich nicht mal peer-to-peer saugen, so weg ist der, wenn sie die LP nicht mehr besitzen. Und dann das:

iTunes

führt unter „Weltmusik“ – klar, der Mann ist aus Österreich – Moraks letzte, die Best-of-CD von 1998. Ein schöner Tag, ein lauter Tag, das tut gut. Ich will Ihnen aber trotz der gerade im Posting aufwallenden Stimmung des Versöhnlichen nicht verschweigen, was aus dem Morak dann noch so geworden ist:
1994-2000 stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses unter Haider-Schüssel.
2000-2007 Staatssekretär für Kunst und Medien im Bundeskanzleramt.
Inzwischen Frühpensionist.

Also auch ein Verräter par excellence. Den können Sie demnach vergessen. Aber den nicht:
http://www.youtube.com/watch?v=betJ4BiJjJE

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Klappe halten statt Hände falten

Es war so klar wie das Amen in der Kirche, dass die Käßmann an Popularität noch gewinnen würde, nachdem sie wegen Alkoholabusus im Straßenverkehr erst den Lappen und dann das Amt abgeben musste. Nichts ist in der ev. Kirche so sexy wie die Gramesfalten einer Büsserin. Wenn eine das evangelische Zentralanliegen, sich mächtig bussfertig zu geben, so ideal vorlebt, dann sieht man auch gern mal darüber hinweg, was unter der dauergerunzelten Stirn so an Unsinn aus dem Sprechschlitz quillt.

Es sei "besser mit den Taliban zu beten, als sie zu bombardieren", sagte Käßmann (alle weiteren Zitate aus dieser Quelle). Betende aller Länder vereinigt euch? Vielleicht erklärt mal einer der Dame, dass genau dazu die Taliban nicht die geringste Lust haben: Mit ungläubigen Europäerinnen gemeinsam zu beten.

Dann ruft Käßmann zu weltweitem Gewaltverzicht [auf?|; "Gewaltlosigkeit heißt nicht Passivität oder Nichtstun, sondern ist auf ihre Art und Weise ein legitimes Zeugnis." Das verstehe ich. Zum Beispiel ein Zeugnis der Freude am eigenen Untergang.

Anstatt militärisch in Konflikte einzugreifen, sollte besser bereits präventiv gehandelt werden, wenn sich Konflikte andeuteten. "Frieden wird selten oder wahrscheinlich nie durch Waffen geschaffen." Das ist genau der abstrakte Pazifismus, der es den Amerikanern und der roten Armee noch heute übel nimmt, dass sie Nazideutschland in die Knie gezwungen haben.

Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass eine Käßmann einfach nichts kapiert von der Welt. Zum Beispiel, dass Kriegen nicht sich andeutende Konflikte zugrunde liegen, wie sie in der Paartherapie beschwichtigt werden, sondern handfeste kollidierende Interessen. Das ist ihre Sache. Es ist ja auch viel schöner einfach nur vom Frieden allerorten zu träumen, als darüber nachzudenken, weshalb es so unwahrscheinlich ist, dass er irgendwo Bestand hat. Dass sie sich aber mit dieser kindischen Habteuchdochbittelieb-Haltung dazu aufschwingt, billige Empfehlungen an irgendwie alle abzugeben und sich dabei mit ihrem offenbar kongenial vernebelten Publikum in einer ziemlich verlogenen moralischen Überlegenheit suhlt – das ist schon ziemlich versaut.
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Achten Sie auf Ihr Gesicht!

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In München schwiemelt ein mir persönlich unbekannter aber eventuell anderen Menschen recht vertrauter Champagnero seit Weihnachten dermassen gekonnt operettenhaft in die Ferne, den Arm einer ihn Anbetenden entspannt auf der befrackten Schulter: Die Menschen bleiben auf der Strasse stehen und starren auf die Litfasssäulen. So sieht ein Gentilhomme aus, der gerade leise zu sich selbst sagen will: Parbleu, bin isch ein schneidig fescher Hund oder nischt? Gleichzeit flüstert sein von kultivierter Begierde und allerhand Sekt perlender Blick auch noch den Damen in der allerletzten Reihe zu: Isch werde sie naturellement und mit dem größten Vergnügen ins Elysium pudern, Verehrteste, aber erst muss isch hier noch die Gala zuende singen, à votre santé!
Meine verehrten männlichen Leser: Bitte versuchen Sie nie so zu schauen wie der. Es sei denn Sie legten es darauf an, einmal größere Ansammlungen von sehr sehr reifen Damen überwältigt in die Ohnmacht flüchten zu sehen. Dann können Sie das ruhig üben.
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Saufen, Schmuck und Nazischelte

...aber auch Tapeten aus den quietschigen 70ern: Das ist der Blog von Verena Brack. Doktor Vogl empfiehlt: Weinchen einschenken, Sonnenbrille abnehmen und einfach mal reinlesen.
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Heavy-Metal-Romantik

Ab&an muss ich Leuten was schreiben, damit die irgendwas besser verkaufen können. In den Reklamebetrieben trifft man Menschen wie ihn: sitzen stumm vor ihrem Computer, die glatte Kopfmatte schwarz gefärbt, Augenringe, dicke Chipsbacken und ein D I O - T-shirt, black XL über den Rumpf gespannt. Freundlich frage ich das offenbar nachtaktive Gegenüber: Dio? Den hab ich vor, hm, so 30 Jahren gehört. Lebt der denn noch? Macht Musik? – The creature of the night wird kurz wach, öffnet die Augen zwischen dunklen Kajalstrichen überweit und haucht: Er hat sogar Krebs. Magen. Sackt wieder zusammen und starrt träge lächelnd in den Bildschirm.
„Hat sogar Krebs!“ Was heisst das?
der Glückspilz?
der Unsterbliche?
vom Singen?
Romantik ist mir fremd. Aber die Romantik wäre sogar dem armen Ronnie James Dio zuviel. Da bin ich sicher.
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Groschenromane für´s Handy: Mr. Smith und Andere

Ein Albtraum in 13 SMS (< 160 Z.):

Mr. Smith, der Freund der Frauen, träumt von den Malediven, als ein stattliches Weib wie eine Operndiva einschwebt und sagt: Ich bin die Operndiva.

Bitte wer? Smith, auch ein Freund der Klugheit, merkt, dass seine hastige Rückfrage ein klein wenig ungeschickt genannt werden könnte. Sie: Idiot!

Mein Name ist Edita Gruberova, sie Kretin. Die ganze Welt liegt mir zu Füßen (Smith sieht sich an Ihren Stiefeln leckend), ich bin ein Star, Smith, aber

Mich quält ein Problem. Welches? Smith verengt die Lider: Ich werde es lösen. Sie, Smith, werden mein Strumpfband lösen, wenn ich zufrieden bin.

Sie sieht ihn an. Er sieht Ihre Beine an. Ein Raubtier blickt aus seinen Augen. Wie ein wildes Frettchen haspelt Smith willenlos, was muß ich tun?

Die Gruberova lacht. Diese Königin der Nacht schleudert die Federboa auf den staubigen Schreibtisch und sagt ein Wort, nur eins: Reden.

Ich tus! brüllt Mr.Smith begeistert. Dann kommt ihm eine Frage, nein zwei. Aber was soll ich sagen? Und wem? - Sie sind so klug, Smith, lobt die Göttliche.

Smith lächelt narkotisiert. Sie erklärt. Er heißt Schmid. Mein Agent. Er möchte, dass ich nach Tokyo wechsle. Aber das wäre mein Ende. Reden Sie mit ihm.

Sagen Sie ihm, in Japan müsste ich schreien vor Wut. Meine Stimme wird leiden. Erpressen Sie ihn. Sagen Sie ihm, ich wechsle den Agenten.

Smith greift zum Hörer. Wählt. Tuut. Schmid. Smith. Nein, Schmid. Sagen Sie nicht nein, Sie wissen nicht, was ich ihnen vorschlagen will.

Ich will es auch gar nicht wissen.. Klack. Er hat eingehängt, sagt Smith. Da platzt die Tür auf, ein Mann schreit: Wer ist der Typ da? Ich mach ihn kalt!

Smith duckt sich, die Diva flüstert: Darf ich vorstellen, mein Mann, Herkules Schmitt. Smith: Angenehm, Smith. Der Mann: Schmitt! Du verarschst mich wohl?

Schmitt zieht den Colt, um seinen Nebenbuhler zu exekutieren, aber der wacht vorher auf, schwitzt. Die Gruberova singt im Radio. Smith seufzt. Finis.
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Dieter Meier rules

„1972 ließ er beim Kasseler Hauptbahnhof eine Metalltafel einbetonieren und mit der Aufschrift versehen: "Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen", was dann auch tatsächlich geschah.“
Ein Schweizer hält Wort. Dieter Meier ist wahrscheinlich das Beste, was je eine schweizer Bankiersfamilie hervorgebracht hat. Können die Alpenbanker nicht einfach alle „Konzeptkünstler“ und „Individual-Anarchisten“ werden? Jetzt wissen sie doch, wie´s geht. Und wir hätten ein paar Menschen weniger, die wir meiden müssen.

Ausserdem kann Herr Meier das:
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Unbegreifliche Mehlschwitze

Elly Jackson hat eine Band: La Roux, also die „Mehlschwitze“. Die hat eine halbe Million Platten verkauft. Deshalb druckt die SZ ein Interview mit der Dame. In bester junger wilder R´n´R Manier haut die Elly da auf Musik von früher – also alles bis gestern – ein, schmäht die Plattenlabel, hat aus der Pistole geschossene Meinungen parat zu Gitarrensoli und wasweißich, sogar James-Dean-Frisiertipps für die Revolte. Eindruck: Die ist schön böse, lässt sich nix vormachen und haut bestimmt auch musikalisch ordentlich auf die Ohren. Hätte ich mir nicht das Youtubefilmchen angehört, wäre ich mit dieser schönen Idee alt geworden. Sie piepst da aber nur dünn zu elektrischen Zappelklängen herum. Das trägt dann so tarantinosche Namen wie „Bulletproof“ oder „In for the Kill“. Ich glaub davon kein Wort. Die wollen sich nur zu unseren Geldbeuteln durchpiepsen mit ihrem Gutelaunezeug. Dabei hat diese Jackson doch gar keine gute Laune. Ich begreif es einfach nicht. Irgendwer wird es mir mal erklären. Oder auch nicht.
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Was der Doc am liebsten hört: John McCormack

Heute warne ich Sie einmal vor schlechtem Gesang. Warum sollten Sie sich Andrea Bocelli oder Jose Carreras anhören, wenn ein John McCormack es bereits 1920 besser konnte? Ich kann Ihnen das beweisen.
Mozarts Il mio tesoro von McCormack ist die Referenzarie seit etwa hundert Jahren und wird es wohl auch die nächsten hundert bleiben:



Berührt Sie das? Dann hören Sie sich bitte noch "Oh sleep why dost thou leave me" an. Achten Sie einmal darauf, wie McCormack von 1:48 bis 2:09 eine einunddreissigsekündige Phrase in einem Zug singt. Kennen Sie einen lebenden Sänger, der diese Atemtechnik hat? Natürlich nicht. Und los:

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