Oostende

Ich weiß nicht, welcher Oost dort sein Ende gefunden hat, aber es wundert mich nicht, dass er es gefunden hat. In Oostende war es letzte Woche nach kürzester Zeit auch mit meiner Vitalität vorbei. Stellen Sie sich das Meer vor. Geht nicht? Zu formlos? Zu einerlei? Versuchen Sie es trotzdem: Also unten eher grau, oben blau, dazwischen ein waagrechter, dunstiger Strich. Davor ein armer Streifen Sand, der sich, vor dem hinterhältig in größter Seelenruhe Sandkorn für Sandkorn das Land wegleckenden Meer fliehend, rückwärts etwas zu einem Deichrücken aufwölbt. Die Geste kenne ich von Katzen. Auf dem Deich eine Bahnstrecke. Hinter der Bahn eine schnurgerade Strasse, als hätte hier jemand dem Meer zeigen wollen, wo die zerstörerische Natur auf und das zerstörerische Oostende anfängt. Hinter der Strasse ein kilometerlanges, sandiges Hundeklo. Dahinter Häuser und Hochhäuser im späten mephistofelischen Stil und ab da bis zu den deutschen Mittelgebirgen flaches, nutzloses Land. Denken Sie: Da leben Menschen und merken von alledem nichts. Ich war abends um sechs in einem Speiselokal („Warme Küche nonstop“ stand belgisch am Fenster) das mir, meiner Frau und meinem Kind auch das kleinste Essen verweigerte. Trinken ja, aber durchgehend warme Küche bedeutet in Oostende, der Koch geht um 17:30 Uhr nach Hause. So deplatziert habe ich mich zuletzt in der Dänemark gefühlt. Um im, nennen wir es einmal so, Hotel noch einen wahrlich sehr angeratenen Wein zu erhalten, musste ich die Hotelbesitzerin wecken. Um acht. Es gibt viele Städte, die haben sich aufgegeben, wie Wien, Heidelberg oder München. Aber sie lassen sich dabei nicht so hängen wie Oostende.
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Bayern schon wieder Nr. 1

Wir müssen einfach überall die Besten sein: In Bayern gibt es das schwerste Abitur, die katholischste Bevölkerung, den bayerischsten Papst, die reichsten Deutschen, das romantischste Neuschwanstein, die höchste Zugspitze, das weltgrößte Bierfest und jetzt auch noch die meisten Selbstmörder. Da hat bestimmt in der Staatskanzlei einer gelesen, dass die Spanier in dieser Disziplin führend sind. Schon hat man bayernweit ein paar „Hotspots“ eingerichtet, die die Scharte wieder auswetzen. Dazu „fällt Psychiater Schmidtke ein: "Die Politik muss uns mehr dabei unterstützen, Hotspots zu entschärfen." Es hat sich nämlich gezeigt, dass an bestimmten Brücken, Türmen oder Bahngleisen immer wieder Suizide vorkommen. Sperrt man solche Orte ab, weicht nur ein kleiner Teil der Menschen, die hier Suizid begehen wollten, an einen anderen Ort aus. Die meisten können gerettet werden.“
Denn auch für den Raub des eigenen Lebens gilt: Gelegenheit macht Diebe. Vielleicht erklärt mal einer dem Psychiater, dass die Selbstentleibung ortsunabhängig durchführbar ist. Die Hotspots, die die Politik für Verzweifelte entschärfen könnte, heissen nicht Brücke, Turm und Bahngleise, sondern eher Kontostand, Pflegeheim und Arbeitsplatz. Das wird allerdings teurer als ein seniorensicheres Brückengeländer.
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Die Knallkörper des Jahres 2010

Pünktlich zu Silvester. In Doc Vogls Knalldeppenwettbewerb 2010 nahmen diese Feuerwerkskörper besonders erfolgreich teil:

1. Platz: „Detonator“ Karl u. v. a. zu Guttenberg
guttenb
Deutschlands beliebteste Silvester-Wunderwaffe steigt auf wie ein Komet vor finsterem Nachthimmel. Wuchtige Bombettenabschüsse mit Knatterstern-Aufstieg, soundstarkem Crackling im Leopard-2a5-Stil und mächtigen Brillant-Buketts in blutrot, CSU-braun, schwarzer Afghane und camouflage, immer mit erschreckend lautem Knall, manchmal mit Gattin, dann Effektkombination mit lynchgrünen Poppingstars „Kinderschänder“ stets lautstark finalisierend mit mächtiger Goldkrone. Applaus garantiert.

2. Platz Alice „Alligator“ Schwarzer
schwarzer
Sinistre 15-Schuss-Brummer-Fontänen-Batterie. Als Effekt-Highlight werden gleich zu Beginn bundesweit unzählige vierfarbige „Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht“-Bildkreisel gleichzeitig abgefeuert, es folgt eine 6-fach-Verwandlungsfontäne zur Funken sprühenden Prozesshyäne mit einem gigantischen Crackling-Finale in einer senkrecht aufsteigenden Vergewaltigungskolumne vor dem tiefschwarzen Hintergrund des Ludenannoncenblatts BILD. Nur für gute Nerven, FSK 18. Brenndauer ca. 60 Jahre, evtl. mehr.

3. Platz Thilo „Die Bestie“ Sarrazin
sarraz
Absoluter Klassiker! 3x soviel Effektmenge wie bisher! Die Effektkombination: Zuerst die gleißende Fontäne in Schwarzrotgold, soundstark bedroht durch Powerbatterie „Muslim“ mit goldener Leuchtspur zum bedrohlich pulsierenden Halbmond aufsteigend, Zwischenfinale: Sternbukett „SS“ mit silbern verhakten Kreuzen danach Sternenbukett braun mit arisch funkelnder DNA-Doppelhelix, schließlich 29 Kometenaufstiege als donnernde Trittbrettfahrer, die sich in buntem Quatsch zerfaseln, am Ende rauschhaftes Nachnuscheln, Funkenflug, pfeifen, aus.


Bilder: Wikipedia.de, Textvorlagen: pyroweb.de
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Liveticker WM-Kicker

0:4 gegen Argentinien. Das ist ein schönes Ergebnis, wenn man den Deutschen was gönnt im Fussballsport.
Aber natürlich ein peinliches sportliches Versagen gegen das 20:30, mit dem die Spanier Paraguay beschämt haben.

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Endlich Frieden – gemeinsam können wir es schaffen

Selbst ganz unwahrscheinliche Zustände, wie der Friede auf Erden, lassen sich mit etwas Konzentration und geeigneten Stimulantien ganz einfach herstellen. Man muss nur wollen, üben und eisern aber entspannt dran bleiben. Zum Beweis meiner hoffnungsfrohen These zeige ich ein Bild, auf dem die paranormal begabten Medien Jens, Werner und der Doktor der beiden durch bloße kollektive Willensanspannung und Trinkdisziplin einmal einen wunderschönen Regenbogen im Raum erzeugten. Als Vorschein einer Zukunft, die alle Hoffnungen der fliegenden Yogis hell überstrahlen wird. Und die der Brauereien sowieso.

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Lukas 12,33: Verkaufet, was ihr habt, und gebt Almosen.

Ich entnehme einer Grafik der „Zeit“: Die christlichen Kirchen in Deutschland verfügen über ein Vermögen von 330 Milliarden Euro. Der Staat schiebt jährlich 17 Milliarden nach. Der fromme Teich würde demnach nicht so schnell austrocknen, auch wenn man den Abfluss etwas vergrößern wollte. Die gleiche Grafik lehrt mich, Afrika habe zusammengenommen 98 Milliarden Schulden, 32 Milliarden würden genügen, um die Armut auf dem ärmsten Kontinent immerhin zu halbieren. Wenn sich also die Industriestaaten schon nicht entschließen können, die Entwicklungshilfe auf ein solides Fundament zu stellen. Dann vielleicht die mildtätigen, von brennender Nächstenliebe getriebenen Kirchen? – Nein? Na, dann beten sie mal weiter.
grafik
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Empörte Steinewerfer im Glashaus

Die Nepalesen. Die machen so Sachen, so archaische. Opfern geschätzte 300.000 Viecher einer noch mehr geschätzten Hindugottheit. Ein Gemetzel:
http://www.sueddeutsche.de/panorama/249/495573/text/
Vor Empörung verschlägt es der SZ gleich die Sprache, wenn das weltweit „größte Tieropferfest ... in Kathmandu tobt.“ Während unsere tierlieben Abergläubigen weltweit das Fest der freien Marktwirtschaft feiern, stirbt alle drei Sekunden ein Mensch an Hunger.
Einer der religiösen Teilnehmer spricht so: "Meine Tochter hat vor zwei Jahren geheiratet und ich hatte versprochen, ein Tier zu opfern, wenn sie ihr erstes Kind bekommt. Ich weiß, dass Opferungen keine gute Idee sind. Aber ich habe Angst, dass die Göttin böse wird, wenn ich mein Versprechen nicht halte.“
Nur mal als Frage in den Raum gestellt: Ob eventuell die Schamanen der Marktwirtschaft, wie beispielsweise Westerwelle, Hundt, Ackermann oder der Fischer, Angst haben, dass die Göttin der Gewinnmaximierung böse wird, wenn nicht mehr genügend Menschen dem Profit geopfert werden?
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Was der Doc am liebsten hört: John McCormack

Heute warne ich Sie einmal vor schlechtem Gesang. Warum sollten Sie sich Andrea Bocelli oder Jose Carreras anhören, wenn ein John McCormack es bereits 1920 besser konnte? Ich kann Ihnen das beweisen.
Mozarts Il mio tesoro von McCormack ist die Referenzarie seit etwa hundert Jahren und wird es wohl auch die nächsten hundert bleiben:



Berührt Sie das? Dann hören Sie sich bitte noch "Oh sleep why dost thou leave me" an. Achten Sie einmal darauf, wie McCormack von 1:48 bis 2:09 eine einunddreissigsekündige Phrase in einem Zug singt. Kennen Sie einen lebenden Sänger, der diese Atemtechnik hat? Natürlich nicht. Und los:

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Was lehrt uns das?

Die Tageszeitung schreibt heute zur Eröffnung des weltgrößten Rudelbesäufnisses:
"Wiesenstart 2009: so gemütlich wars schon lang nicht mehr"

Die Abendzeitung heute:
"Wiesenstart 2009: Brutal wie noch nie"

Was stimmt denn nun, was folgt daraus? Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben? Ich denke, das trifft die Wahrheit: "Die Wiesen war noch nie so brutal gemütlich wie immer". Und daraus folgt auch immer das gleiche: Man muss ja nicht hingehen.
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Spitzensport

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Zugspitzopfer

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Doing a great job for just a smile

Manche Vorstandvorsitzende (BWL: Vovo) kamen vor kurzem ihrer Bezüge wegen ins Gerede. Die Motivation der kleinlichen Kritiker ist mit einem Wort abgetan: Neid. Um die andere interessantere Frage zu beantworten, weshalb die Herren eigentlich dieses viele Geld nehmen – sie haben ja schon genügend – müssen wir tiefer dringen. Sehen wir uns diese Top-Leistungsträger einmal genauer an.

Sie sind unfassbar produktiv. Vovos verdienen mindestens einhundertmal so viel wie der durchschnittliche Angestellte, weil sie an einem Arbeitstag mühelos einhundertmal so viel leisten. Denselben Gewinnzuwachs, für den ein Arbeiter ein ganzes Jahr lang arbeiten muss, verschafft ein Vovo dem Konzern mit einem kühlen Anruf beim Betriebsrat und einer Unterschrift, die dem genannten Arbeiter in Zukunft viel Freizeit verschafft.

Sie zaubern. Manchmal stemmen Vovos durch die bloße mentale Kraft ihrer verantwortungsschweren Gedanken eine Währung hoch und werfen eine andere hinunter. Der Umtauschkurs verbessert sich, die Konzerngewinne schnellen nach oben. Ein Vovo nickt dazu ruhig vor dem Bildschirm, stellt das Kristallglas auf seiner Sekretärin ab, schliesst seinen Armani-Reissverschluß, heisst die Tippse sich kuschen, und wieder sind Millionen verdient. Ein Zuwachs, den der Arbeiter am Band nicht einmal bemerkt, geschweige denn mit einem so souveränen, väterlichen Nicken für das Unternehmen realisiert hätte. Es ist dieser Blick des Vovo, mit dem er das, was geschieht, aufnimmt und sich als Orden ans Revers steckt, der ihn so teuer und so wertvoll macht für sein Unternehmen.

Sie können immer und wollen immer. Ist ein Angestellter gut gelaunt – vielleicht wurde er gerade von seinem Abteilungsleiter in einem Gespräch unter vier Augen dazu motiviert, unter neuen Bedingungen doch noch im Unternehmen zu bleiben – dann macht er eine Überstunde oder ein paar hundert. Ist ein Vovo gut gelaunt, stellt er den verborgenen Hebel unter seinem Mahagonischreibtisch von Baisse auf Hausse, lächelt ob des Beweises seiner geradezu magischen Schaffenskraft und ruft nach seiner Sekretärin oder irgendeiner anderen weiblichen Hilfskraft, mit der er die Freude über die steilen Börsenkurse teilen kann. Wenn es die Unternehmensstrategie verlangt, macht er bis zum nächsten Morgen kein Auge zu. Zweimal der gleiche Impuls zur Leistung, aber welche Diskrepanz in der Umsetzung und im Effekt.

Sie jammern nie. Der normale Angestellte arbeitet von früh bis spät und manchmal auch etwas länger und lamentiert darüber ganz ungehörig. Der Vovo arbeitet immer. Sein Tag hat 48 Stunden und seine Woche mindestens 12 Tage. Dem Vovo vergeht die Zeit im Flug, er ist ständig unterwegs und immer froh, wenn er, ein gnädiger Zufall gewährt es selten, ein zweites Mal in den gleichen Whirlpool steigt, oder dort sogar ein zweites Mal die gleiche Dame antrifft. Während der Vovo bei professionellen Körper-Assistentinnen seine Jetlag-bedingten Verspannungen in strenger Zucht unter verhaltenem Stöhnen abarbeitet, um desto schneller wieder 150% seines Wertschöpfungsvermögens in den Dienst seiner AG stellen zu können, hält sich der Angestellte träge aus dem Bürofenster blickend mit der Frage auf, wann er eigentlich zuletzt seine Frau gesprochen hat.

Sie arbeiten eigentlich ehrenamtlich. Warum nimmt der Vovo also das viele Geld? Weil er es kriegt. Es ist ja da. Nicht, dass es ihm viel bedeuten würde. Denn sein wahrer Lohn ist ein Lächeln. Sein Lächeln. Das spitze, steife Lächeln, das seine Gesichtszüge sieghaft verzieht, wenn wieder einer der aufstrebenden Lohnabhängigen sich dazu erniedrigt, ihm die immer gleiche Strophe zu entlocken:
„Hehe, schon wahr, aber sie übertreiben, Schulze. So unersetzlich bin ich nicht. Natürlich, es gibt auch noch ein paar, vielleicht zwei, andere Vorstandsvorsitzende, die fast Vergleichbares leisten. Aus Ihnen wird noch was, Schulze. Sie sehen die Dinge aus dem richtigen Blickwinkel.“
Von ganz unten.
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Verborgener Ballast

Ich lerne ständig hinzu. Wussten Sie, dass ein menschlicher Körper aus 10 Billionen Zellen besteht? Wenn Sie das bereits erstaunlich finden, sollten Sie vor meiner nächsten Mitteilung noch einmal tief Luft holen. Ein Mensch beherbergt 10x10 Billionen Bakterien in seinem Leib. Muss ich ausführen, welche Aufschlüsse das über die Mühen des Bergsteigens gibt? 99% dieser Bakterien leben in einer Körperregion, die die Wissenschaft vielleicht etwas euphemistisch als Darmflora bezeichnet. Wenn also demnächst wieder einer ohne Sauerstoff auf den Mt. Everest steigt, klatschen Sie nicht zu früh. Vielleicht hat er für den Gipfelsturm nicht nur die Sauerstoffflaschen, sondern auch seine Darmflora im Basecamp zurückgelassen. So ist das natürlich ein Spaziergang.
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